
Gemeinsames Backen als wundervolle Beziehungsmomente
von Jana Strahl
Wenn im Advent der Duft von Vanille, Zimt und frisch gebackenen Plätzchen durch Haus oder Wohnung zieht, entsteht eine Atmosphäre, die kaum ein anderes Ritual so intensiv vermitteln kann. Für mich ist das auch immer wieder ein Flashback in die Kindheit, in der das Plätzchenbacken zum Advent gehörte, wie das Christkind zu Heiligabend.
Für Kinder ist das gemeinsame Backen nicht nur ein kulinarisches Erlebnis, sondern vor allem ein Moment intensiver Nähe. Gerade in Familien, in denen Eltern getrennt leben, kann die Weihnachtsbäckerei eine wertvolle Gelegenheit sein, Beziehung zu gestalten und Erinnerungen zu schaffen.
Gemeinsame Aktivität als Beziehungsarbeit
Plätzchenbacken ist weit mehr als eine Freizeitbeschäftigung. Es ist ein gemeinsames Projekt, das die sozialen Grundbedürfnisse in mehrfacher Hinsicht anspricht. Diese Grundbedürfnisse sind die Basis für psychische Stabilität und Selbstwertgefühl – gerade in Trennungssituationen, die oft von Unsicherheit geprägt sind.
Ob im Wechselmodell, wo Kinder abwechselnd bei beiden Elternteilen leben, oder im Residenzmodell, bei dem sie überwiegend bei einem Elternteil wohnen: Plätzchenbacken lässt sich in beiden Konstellationen wunderbar umsetzen. Selbst wenn Kinder nur alle 14 Tage beim anderen Elternteil sind, kann eine kleine Backaktion stattfinden. Es geht nicht um die Menge der Plätzchen, sondern um die Qualität der gemeinsamen Zeit. Schon ein Nachmittag mit Teig, Ausstechformen und bunten Streuseln kann für Kinder ein Highlight sein und vermittelt: „Auch wenn wir uns nicht täglich sehen, bist du mir wichtig.“
Ein sichtbares Ergebnis stärkt Selbstwirksamkeit
Das Besondere am Plätzchenbacken ist, dass die gemeinsame Aktivität ein greifbares Ergebnis hervorbringt. Kinder erleben, dass ihre Mühe und Kreativität zu etwas Schönem und Leckerem führt. Diese Erfahrung stärkt Selbstwirksamkeit und Stolz. Gleichzeitig entsteht ein Produkt, das geteilt werden kann – mit Geschwistern, Freunden oder eben auch mit dem anderen Elternteil. Wichtig ist, dass die Elternteil diese Aktivität mit dem jeweils Anderen nicht abwerten oder gar das Ergebnis überkritisch begutachten. Kommentare wie „Die sehen ja komisch aus“ oder „Die schmecken nicht“ verletzen Kinder und untergraben ihre Freude. Wertschätzung hingegen signalisiert: „Ich sehe deine Mühe und freue mich über dein Ergebnis.“ Damit wird die Brücke zwischen beiden Elternhäusern gestärkt und die Kinder spüren, dass ihre Leistung überall zählt.




Psychologische Bedeutung von Ritualen
Rituale wie das Plätzchenbacken haben eine besondere psychologische Kraft. Sie strukturieren den Alltag, schaffen Vorfreude und vermitteln Verlässlichkeit. Für Kinder in Trennungsfamilien sind solche Rituale besonders wichtig, weil sie Kontinuität und Sicherheit geben. Sie zeigen: Auch wenn sich die äußeren Rahmenbedingungen verändert haben, bleiben bestimmte Dinge bestehen. Das stärkt Vertrauen und reduziert Ängste. Gleichzeitig sind Rituale identitätsstiftend – Kinder erinnern sich später an die gemeinsamen Backnachmittage und verknüpfen sie mit Wärme und Zugehörigkeit.
Nähe durch gemeinsames Tun
Im Alltag von Trennungsfamilien kann es leicht passieren, dass Gespräche von organisatorischen Themen dominiert werden: Übergaben, Termine, Absprachen. Das Plätzchenbacken hingegen schafft einen Raum, in dem es nur um das gemeinsame Tun geht. Mütter/ Väter und Kinder lachen über misslungene Formen, probieren Teig, verzieren Plätzchen. Diese Momente sind frei von Leistungsdruck und Alltagsstress. Sie sind reine Beziehungszeit, in der Kinder erleben: „Mein Elternteil ist ganz bei mir.“ Diese Erfahrung ist für die emotionale Bindung von unschätzbarem Wert.
Wertschätzung als Schlüssel
Ein zentraler Punkt ist die Haltung des jeweils anderen Elternteils. Wenn Kinder stolz ihre Plätzchen mitbringen, sollten diese unbedingt wertschätzend angenommen werden. Es geht nicht um Perfektion, sondern um die Freude am Tun. Wer die Mühe der Kinder anerkennt, stärkt ihr Selbstbewusstsein und zeigt, dass ihre Leistung zählt – unabhängig davon, bei welchem Elternteil sie entstanden ist. Damit wird vermieden, dass Kinder in einen Loyalitätskonflikt geraten. Stattdessen erfahren sie, dass beide Eltern ihre Kreativität und ihren Einsatz würdigen.




Fazit: Kleine Aktion, große Wirkung
Plätzchenbacken im Advent ist eine einfache, aber wirkungsvolle Möglichkeit, Beziehungszeit zu gestalten. Für getrennte Eltern bietet es die Chance, Kindern Nähe und Freude zu schenken – unabhängig vom Betreuungsmodell. Wichtig ist die Wertschätzung des Ergebnisses durch beide Elternteile. Denn die Plätzchen sind mehr als Gebäck: Sie sind Ausdruck von gemeinsamer Zeit, Kreativität und Liebe. Wer diese Momente ernst nimmt, schenkt seinen Kindern nicht nur süße Leckereien, sondern auch Erinnerungen, die bleiben und ihre psychische Stabilität nachhaltig stärken.