• Politische Herausforderungen

Politische Herausforderungen

Bereits im 7. Familienbericht (2008) wurde ein familienpolitischer Dreiklang von

  • Infrastrukturpolitik (z. B. Ausbau der Kinderbetreuungsangebote, Ganztagsschulen, Beratungs- und Dienstleistungsangebote "unter einem Dach")
  • finanziellen Transfers (z. B. Kindergeld, Steuerfreibeträge, Elterngeld) und
  • einer neuen Balance zwischen Erwerbsarbeit und Fürsorge im Alltag und im Lebenslauf (care-Zeiten)

gefordert.

In allen drei Bereichen gibt es noch viel zu tun: der Ausbau qualitativ hochwertiger Kinderbetreuungsangebote muss beschleunigt werden, durch Kinder bedingte Armut muss verhindert und Fürsorge“arbeit“ gesellschaftlich neu bewertet werden.

Zukünftig sollen gesellschaftlich bessere Voraussetzungen geschaffen sein, um Ausbildung/Lernen, Paarbeziehungen und Familienleben, soziale Kontakte einschließlich gegenseitiger Hilfeleistungen, Einkommenssicherung usw. – im Lebenslauf, zwischen den Geschlechtern und zwischen den Generationen – zu vereinbaren.

Dazu wird es als erforderlich betrachtet, den Arbeitsbegriff grundsätzlich neu zu definieren: Von einer solchen Neubewertung des Arbeitsbegriffes (Anerkennung von Versorgungs-, Pflege- und Erziehungsleistungen – auch monetär) würden auch Alleinerziehende profitieren.

Nur – von einer solchen Neubewertung sind wir weit entfernt! Die aktuelle politische Debatte sieht in der Vollzeiterwerbstätigkeit (oder vollzeitnahen Erwerbstätigkeit) aller Mütter und Väter – und erst recht der Alleinerziehenden – möglichst schon direkt im Anschluss an eine einjährige Elternzeitphase das „Allheilmittel“ zur Verhinderung bzw. Bewältigung familiärer Armut (und zur Befriedung des Arbeitskräftebedarfs der Zukunft).

Das von der Berichtskommission des ersten Gleichstellungsberichtes der Bundesregierung entworfene Leitbild formuliert demgegenüber eine Vision, die den Wünschen vieler Familien deutlich näher kommt: „Wir streben eine Gesellschaft mit Wahlmöglichkeiten an. Die Beschäftigungsfähigkeit von Männern und Frauen wird durch eine gute Ausbildung gesichert. Sie werden befähigt, für ihren Lebensunterhalt selbst zu sorgen und auch eine eigene soziale Sicherung aufzubauen. Die beruflichen Qualifikationen und Kompetenzen von Frauen und Männern werden gleichermaßen geschätzt und entgolten. Durch eine angemessene Infrastruktur für Kinderbetreuung, schulische Erziehung und Pflege sowie flexible Arbeitszeiten in den Unternehmen wird die Vereinbarkeit für Beruf und Familie gewährleistet. Die Erwerbsverläufe werden durch Optionen auf eine Unterbrechung der Erwerbstätigkeit oder eine vorübergehende und reversible Verkürzung der Arbeitszeit flexibilisiert. Die Gesellschaft unterstützt die Wahrnehmung dieser Optionen zur Kindererziehung und -betreuung, Pflege und Weiterbildung. Es werden insbesondere Anreize gesetzt, damit die Optionen in den gesellschaftlich gewünschten Feldern sowohl von Frauen als auch von Männern genutzt werden. Die Nutzung dieser Optionen darf nicht zu Nachteilen in der Alterssicherung führen.“ (aus:. Neue Wege – Gleiche Chancen, Gleichstellung von Frauen und Männern im Lebensverlauf, BMFSFJ, Erster Gleichstellungsbericht, 2011, Seite 233/234)

Wenn diese gesellschaftliche Situation gegeben ist, reduzieren sich auch die Belastungen vieler Alleinerziehender erheblich!

Spezifische Hilfeangebote sind darüber hinaus erforderlich für Alleinerziehende mit besonderen Belastungen, wie z. B. für diejenigen mit gesundheitlichen oder psychischen Erkrankungen, bei Erkrankung oder Behinderung von Kindern in Einelternfamilien, bei Arbeitslosigkeit, Verschuldung oder für allein erziehende Migrantinnen mit schlechten Deutschkenntnissen.

Neben den gesetzlichen, gesellschaftlichen und infrastrukturellen Verbesserungen bleiben differenzierte ergänzende Beratungs- und Bildungsangebote insofern unverzichtbar.

Petra Winkelmann