• Was Kindern hilft

Wie kann man Kindern helfen – ein Interview

Sigrid Rogge ist Diplompsychologin sowie Ehe- , Familien- und Lebensberaterin. Sie ist in einer Caritas Beratungsstelle in Berlin-Potsdam tätig und leitet seit vielen Jahren Gruppen mit Kindern nach Trennung und Scheidung.

Kindern hilft ganz viel Zuspruch, viel Liebe und viel Zuversicht. Es tut ihnen gut, von vielen Seiten zu hören, dass es trotz der Trennung gut weitergehen wird. Kinder brauchen auch nach der Trennung sowohl Mutter als auch Vater und die Möglichkeit, beide Elternteile lieben zu können. Sie brauchen eigenständige Beziehungen zu jedem Elternteil. Hilfreich ist die Zusicherung von beiden Eltern in einem gemeinsamen Gespräch, dass die Beziehung zu jedem von ihnen möglich ist, damit das Kind sich auch wirklich darauf verlassen kann. Ich plädiere daher für das gemeinsame Sorgerecht. Es stellt ein selbstverständliches Signal dar, dass nach der Trennung beide Eltern" verantwortlich bleiben. Die große Leistung, die die beiden Eltern in der Gestaltung des gemeinsamen Sorgerechtes leisten, wird meines Erachtens viel zu wenig gesehen.

Ich weiß, dass es sehr schwierig ist, und immer mehr Eltern suchen professionelle Hilfe, um diesen Schritt zu schaffen.

Es gibt mehrere Dinge, die die Kinder am besten in einem gemeinsamen Gespräch hören sollten von den Eltern. Dazu gehört die Zusicherung, dass sie an der Trennung nicht schuld sind und dass sie auch nichts dagegen tun können. Wichtig ist auch die Erklärung, dass auch wenn die Eltern sich als Paar trennen, sie für das Kind als Eltern beide präsent bleiben wollen. Hilfreich für das Kind ist außerdem, wenn es ganz klar und so konkret wie möglich erfährt, was sich verändern wird und was erhalten bleibt. Zum Beispiel: welche Kontakte erhalten bleiben.

Günstig sind darüber hinaus klare Regelungen, z. B. über den Umgang mit dem Kind. Also: wann das Kind beim Vater und wann das Kind bei der Mutter ist. Meine Erfahrung ist, dass das Kind mit dem gut klarkommt, mit dem auch beide Elternteile gut klarkommen. Eine Optimalregelung gibt es daher nicht.

Natürlich finden Kinder in erster Linie Unterstützung durch die eigenen Eltern. Allerdings sind viele Eltern in der Trennung sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, so dass sie nicht in ausreichendem Maße das Kind unterstützen können. Deshalb sind sie auf die Hilfe der Umwelt angewiesen. Hilfe oder Unterstützung für die Eltern stellt auch eine große Unterstützung für die Kinder dar.

Ferner gewinnen Vertraute und verlässliche Bezugspersonen sowie Gruppen an Bedeutung für die Kinder – seien es die Großeltern oder Freunde der Familie oder der Lehrer oder die Kindergärtnerin oder die Paten sowie andere Gruppen.

Wichtig ist, dass die Kinder Vertraute haben, bei denen sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen können, die sie trösten und ihnen immer wieder die Zuversicht vermitteln können, dass es gut weitergehen wird. Kinder brauchen ein Mindestmaß an Normalitätsgefühl, um eine gesunde Identität zu entwickeln. Deshalb ist es hilfreich, dass Kinder immer wieder mit anderen Kindern zusammenkommen, die in einer ähnlichen Familiensituation leben, um das Gefühl zu haben, dass sie nicht alleine stehen.

Daneben gibt es verschiedene Angebote in Erziehungs- und Familienberatungsstellen. Einzelne Beratungsstellen bieten auch Gruppen für Kinder an, deren Eltern in Trennung leben. Dort können die Kinder zum einen erfahren, dass es anderen genauso geht. Sie finden aber auch einen Ort, an dem sie ihren Gefühlen Raum geben können. Nicht zuletzt erleben sie dort viel Solidarität und Verständnis, aber natürlich auch Spaß und Spiel.

Ich wünsche mir, dass die Kirche im Umgang mit sich trennenden und getrennten Paaren und ihren Kindern mutiger und aufmerksamer wird. Denn es gehört zu ihrem Selbstverständnis, sich auf die Seite derer zu stellen, die in schwierigen Lebenssituationen sind und sich am Rand der Gesellschaft fühlen. Christliche Rituale könnten behilflich sein bei der Bewältigung dieser Lebenssituationen. Zum Beispiel könnte die Segnung der betroffenen Familienmitglieder eine sehr entlastende Funktion haben. Christliche Rituale symbolisieren die Treue und die versöhnliche Gegenwart Gottes, lassen sie nochmal ganz deutlich und spürbar werden.

Wichtig ist, dass getrennt Lebende nicht nur als Betroffene wahrgenommen werden, sondern weiterhin die Möglichkeit haben, aktiv zu sein. Damit würden die Verantwortlichen auch den Kindern einen großen Dienst erweisen, weil das Selbstwertgefühl eines Kindes in hohem Maße davon abhängt, wie die Eltern wertgeschätzt werden .

Es ist nicht selten so, dass der Kontakt zu dem Elternteil, mit dem das Kind nicht regelmäßig zusammen lebt, zurück geht oder gar abbricht. Viele Getrennte sehen darin die einzige Möglichkeit, den Paarkonflikt für sich zu lösen und die Kinder vor einem zu großen Loyalitätskonflikt zu bewahren. Grund dessen ist in der Regel nicht das fehlende Interesse am Kind, sondern eher die unüberwindbar erscheinende Hürde, ein Miteinander als Eltern zu finden, was fair verläuft und ohne große Verletzungen. Ich finde es wichtig, dass die Kinder erfahren, dass es nicht an ihnen liegt, auch nicht an ihrer Unfähigkeit, den zweiten Elternteil für sich zu interessieren, sondern dass der Paarkonflikt die Ursache ist.

In solchen Situationen ist es hilfreich, wenn eine vertraute Person, die loyal und fair auch dem Elternteil gegenüber steht, der sich zurück gezogen hat, dies dem Kind vermittelt.

Interview: Barbara Tieves, Alleinerziehendenarbeit im Erzbistum Berlin